
Abdul M. Kunzes einfühlsame Inszenierung von "Türkisch Gold" mit vortrefflichen Darstellern.
Liebe kennt bekanntlich keine Grenzen, aber ist es nicht gelegentlich anders? Der junge Jonas hat sich jedenfalls in die Türkin Aynur verliebt, und seine beste Freundin Luiza ist skeptisch, ob das man gut geht. In Tina Müllers Stück "Türkisch Gold", präzise, heiter und nuanciert inszeniert von Abdul M. Kunze, zeigen Christin Heim und Milan Pešl sehr nachvollziehbar, wie junge Leute die Problematik sehen. Das Premierenpublikum in der TiL-Studiobühne war am Freitag vom Ergebnis schwer angetan. Zu Recht, denn Kunzes Inszenierung bringt nicht nur die Inhalte des Stücks klar rüber, also die Problematik der modernen multikulturellen Einwanderergesellschaft in Deutschland und die Liebesnöte junger Leute. Sie verfügt vor allem über zwei ganz präzise geführte Darsteller, die die Ängste, Gefühle und Ansichten der Heranwachsenden sehr authentisch umzusetzen imstande sind. Luiza und Jonas, zwei fantasiereiche junge Leute, versetzen sich einfach in alle möglichen Beteiligten hinein und spielen sie einander vor. Dabei lernt man unter anderem die anderen Schüler und ihre Einstellungen, türkische Brüder und einen deutschen Vater kennen, nicht zuletzt auch Jonas` neue Flamme Aynur. Die Inszenierung bewältigt die vielen Rollen- und Situationswechsel mit sparsamsten Mitteln, wobei Udo Herbsters Bühnenbild mit durchsichtigen Vorhängen und einer riesigen Steppdecke als Spielfläche diskrete optische Anlässe schafft. Vor allem jedoch gelingt die Umsetzung der vielen fiktiven Szenen trefflich. Heim und Pešl machen zum einen natürlich die Wechsel klar und deutlich, so dass man plötzlich neue Figuren erblickt. Die Inszenierung schafft dabei aber das Kunststück, dass diese eindeutig von den Hauptfiguren dargestellt werden, was der Aufführung die Künstlichkeit dieses Kniffs nimmt. Dazu gleiten Heim und Pešl zum einen mit einem bühnenwirksamen lustigen kleinen Ruck in die jeweils andere Figur, und ein Kopftuch hilft dabei, etwa die türkische Großmutter zu identifizieren. Die Darsteller machen das witzig, aber selbstverständlich werden diese fiktiven Mitspieler nicht denunziert, auch wenn sie häufig zum Lachen sind. Die vielschichtige Darstellung so zahlreicher Figuren und, noch wichtiger, ihrer Standpunkte und Probleme, öffnet dem Betrachter zwanglos den Zugang zur komplexen Welt der Jugendlichen heute. Die Autorin lässt zudem Luiza in dem Maß, wie Jonas für Aynur entbrennt, immer größeres Interesse an ihm finden, entzieht sich jedoch der banalen Lösung dieser Frage. Heim und Pešl setzen mit zwangloser Heiterkeit und entspannter Präzision eine vielschichtige Gefühls- und Meinungslandschaft nachvollziehbar ins Konkrete um, so dass der Betrachter in die aufregende Welt der Heranwachsenden reinschnuppern kann und feststellt, dass es da heute Probleme gibt, die man nicht so einfach mit links gelöst bekommt. Dass dazu keine einfachen Antworten präsentiert werden, macht den lebendigen Abend noch angenehmer. Heiner Schultz, 25.01.2010, Gießener Anzeiger